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Der Mann in der Menge

Die kurze Geschichte von Edgar A. Poe beschreibt eigentlich nur, wie der Ich-Erzähler einen unbekannten älteren Mann über mehrere Stunden durch London verfolgt. Es gibt dafür keinen Anlass, das Interesse des Erzählers wird irgendwie geweckt und er folgt dem Fremden. Der Fremde aber irrt Stunden lang durch verschiedene Gegenden Londons, geht mal hier mal da rein und kommt wieder raus. Er läuft ziellos aber dennoch orientiert durch London. Am Ende gibt der Verfolger die Verfolgung auf, weil er merkt, dass er nichts von seinen Taten erfährt und er nur „ein Mann der Menge“ ist.
Der Text weckt bei mir bestimmte Assoziationen, er beschreibt ein alltägliches Phänomen in Form einer fiktionalen Erzählung. In der modernen Großstadt sind die tausenden Fremden, denen wir täglich begegnen eigentlich wie Kulissen: wir wissen nichts über sie, wir nehmen sie kaum war und sie sind doch das, was das Großstadtleben ausmacht. Wir sehen sie nur als Fußgängerinnen/Auto/Fahrradfahrerinnen etc. Aber wir kennen weder ihren Ursprung, noch ihr Ziel. Sie sind nur bewegliche Dauerkulisse. Die Vorstellung, dass alle anderen außer einem selber immer nur rumgehen und sonst keine Funktion haben ist da gar nicht so weit hergeholt. In unserer heutigen Welt sind wir alle nur auf uns selbst fixiert und starren auf unser Smartphone, wie ich schon in meinen Post zu Das Ende der Liebe geschrieben habe, sind wir in der Großstadt alle anonym und niemand achtet auf die Einzelne Person in der Masse. Somit geht Poe auf ein großes Problem unserer Gesellschaft ein. Verwunderlich ist eigentlich der Ich-Erzähler der wirklich mal in die Masse schaut und eigene Individuen erkennt und so fasziniert ist von dem Mann, dass er mehr über ihn erfahren will und ihn deshalb „stalkt“. Andererseits finde ich es nicht überraschend, dass der Ich-Erzähler den alten Mann nicht einfach fragt was er tut, sondern ihn einfach verfolgt und sich selbst ein Bild von dem alten Mann entwickelt( Er vermutet hinter ihm einen Verbrecher). Der alte Mann selbst bestätigt meine These der anonymen Masse, denn der Mann bemerkt die ganze Nacht nicht, dass der Ich-Erzähler ihn verfolgt und er bemerkt ihn selbst dann nicht als der Erzähler am Ende sogar direkt vor ihm steht. Er ist so mit sich selbst beschäftigt.
Einen weiteren Aspekt der mir aufgefallen ist, ist dass der alte Mann ständig die Masse sucht. Da er allein ist, möchte er sich nicht alleine fühlen und sucht die Masse in allen Gegenden Londons. Das ist auch wieder ein Phänomen unserer Gesellschaft. Wir unterhalten uns nicht mit Fremden, gehen aber auf die Straße um uns nicht allein zu fühlen und sitzen dann allein im Café und starren auf das Smartphone und versuchen dort unsere sozialen Kontakte zu pflegen, sprechen aber nicht mit den Fremden um uns herum und hoffen doch immer darauf, dass man ins Gespräch kommt und jemanden Neues kennen lernt. Man möchte also als Individuum Teil der Masse sein. Was ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Das Problem von den Meisten ist wohl, dass sie nicht alleine sein können.
27.6.16 19:55
 


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